Mit seinen ungewöhnlichen Lampen und Lichtsystemen für Wohnräume, Gebäude und den öffentlichen Raum hat Ingo Maurer Menschen zeitlebens berührt. Eine Ausstellung in der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne beleuchtete bis in den Herbst 2020 hinein das Lebenswerk des Lichtkünstlers, der im Oktober 2019 verstorben ist. Ein Gespräch mit Xenia Riemann-Tyroller, Kuratorin der Ausstellung „Ingo Maurer intim. Design or what?“
Frau Riemann-Tyroller, die richtige Beleuchtung ist beim Einrichten einer Wohnung ja mit das Allerschwerste. Wozu hätte denn Ingo Maurer geraten?
Er hat empfohlen, die Leuchten nicht aufzuhängen, sondern auf den Boden zu stellen: Licht, das von unten kommt. Viele Menschen kennen ja eine zentrale Deckenbeleuchtung, die alles andere als wohnlich ist. Wohnexperten raten allgemein zu dezentralen Lichtquellen. Ingo Maurer geht noch einen Schritt weiter, indem er Leuchten am Boden positioniert.
Lange Zeit fristete völlig unerkannt eine Ingo-Maurer-Lampe der „Uchiwa-Serie“ ihr Dasein im Jugendzimmer meines Lebensgefährten. Diese Leuchte aus den frühen Siebzigern ist wahrscheinlich heute richtig was wert, oder?
Kommt auf das Modell der Leuchte an. Sie stammt aus der Phase in den 1970er-Jahren, in der Ingo Maurer mit Fächern aus Japan experimentierte. Er bezog sie aus einer ganz bestimmten Region der Insel Shikoku und von verschiedenen Uchiwa-Meistern. Er hat sie zweckentfremdet und zu Lampenschirmen umfunktioniert. Diese Fächer bekommt man heute nur noch über den Vintage-Markt, darum ist diese Lampe sicher etwas Außergewöhnliches und Kostbares.
Viele Leuchten von Ingo Maurer sind ja durch seine Japanreisen inspiriert ...
Ja, er ist oft in Japan gewesen und hat sich mit den Menschen und deren Handwerkstechniken dort auseinandergesetzt. Dabei entdeckte er auch ein spezielles Papier, das Japan-Papier. In Zusammenarbeit mit der Textildesignerin Dagmar Mombach, die eine Technik fand, das Papier zu plissieren, entwickelte Maurer daraus die Leuchten-Serie „MaMo Nouchies“. Die Anfangsbuchstaben beider Nachnamen sind in der Bezeichnung verewigt. Bei der Namensfindung für seine Leuchten war Maurer sehr kreativ.
Die Ausstellung, an der Maurer selbst entscheidend mitwirkte, heißt „Ingo Maurer intim. Design or what?“. Worauf bezieht sich das Wort „intim“?
Zum einen bietet die Ausstellung eine persönliche Sicht von Ingo Maurer auf sein Werk. Zum anderen ist es ein Wortspiel. „Intim“ bedeutet auch „im Team“ und weist darauf hin, dass Maurer seine Leuchten in enger Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern entwickelte. In Maurers sogenannter „Designerei“ arbeiten Vertreter aus verschiedensten Berufen Hand in Hand. Dazu zählen Physiker, Bühnenbildner und auch Industriedesigner.
Wie muss man sich die Arbeit in der „Designerei“ vorstellen?
Ingo Maurer sah sich eher als Lichtgestalter und weniger als Designer. Serien und industrielle Massenanfertigung lagen ihm fern. Im Begriff „Designerei“ klingt bereits auch das Handwerkliche an. Seine Kunst hat ja viel mit Materialität zu tun, mit Hands-on und mit Ausprobieren. In der Designerei sind die Tische voll mit unterschiedlichsten Materialien.
Barbies hängen von der Decke, man findet Äste, verschiedenste Papiere, Metalle, kleinteilige technische und elektronische Elemente, die man irgendwo gefunden, oder auf Messen aufgegabelt hat. Und mittendrin war Ingo Maurer in permanentem Austausch mit seinem Team.
Er hat einmal gesagt, Ungeduld sei seine beste Eigenschaft …
Das ist durchaus positiv zu sehen. Ingo Maurer war für mich ein unglaublich charismatischer Mensch. Mit größter Aufmerksamkeit hat er seine Umgebung wahrgenommen, Dinge auf sich wirken lassen, analysiert ... das war ja das Besondere an ihm, dass er aus scheinbar Belanglosem etwas herauslesen konnte. Oft hatte er die fertige Leuchte bereits im Kopf und musste seinem Team nachvollziehbar erklären, wie er sich das Ganze vorstellt. Er skizzierte seine Einfälle gerne auf Servietten und wollte dann eine rasche Umsetzung ins Modell. Seine künstlerische Unruhe hat das Team angesteckt und mitgerissen und alle Beteiligten waren bemüht, seiner Idee so nahe wie möglich zu kommen. Manchmal schienen Lösungen bereits perfekt. Dann kam Ingo Maurer und setzte nochmal einen drauf und sagte, nein, so ist es besser. Und so war es dann auch. Auf seine Intuition war Verlass. Er hat immer noch einen Ticken weitergedacht. Ideen kamen ihm übrigens in allen Lebenslagen.
Wie bei Luzy on the Wall?
Ja, genau. Dieses Lichtobjekt entstand im Rahmen eines Projekts für den öffentlichen Raum. Ingo Maurer hat ja nicht nur Leuchten für den Wohnbereich gemacht. In diesem Zusammenhang mussten Naturschwämme blau gefärbt werden. Dazu trugen die Mitarbeiter Handschuhe, die beim Eintauchen in die Farbe blau wurden. Eine Mitarbeiterin hängte sie zum Trocknen auf. Und wie sie dann da an der Leine hingen, dachte sich Ingo Maurer offenbar: „Wow, noch ein paar Glühbirnen dran, dann haben wir eine tolle Leuchte!“ Das Ergebnis ist in der Ausstellung zu sehen: Ein königsblauer Handschuh mit Glühbirnen an jedem Finger, der mit einem Nagel lapidar an der Wand aufgehängt ist. Die Leuchte trägt den Namen „Luzy on the Wall“, weil die Mitarbeiterin Luzy hieß.
Oder auch die Geschichte von der Mozzkito?
Ja, auf die Idee, ein kugelförmiges Teesieb in eine Lampe zu verwandeln, kam er, als er krank zuhause in der warmen Badewanne lag und sich einen Tee mit eben diesem Teesieb zubereitete. Es gibt eigentlich zu jeder Leuchte eine solche Geschichte.
Nach welchem Konzept wurde die Auswahl der Leuchten für die Ausstellung getroffen?
Einmal wollten wir natürlich einen Überblick schaffen über das Lebenswerk. Man muss sich überlegen, Ingo Maurer hat mit 30 Jahren angefangen, Leuchten zu gestalten, und ist 87 Jahre alt geworden. Er selbst wollte von Rückschau oder Retrospektive nichts wissen, er war voller Ideen und Tatendrang, daher haben wir auf diese Bezeichnung verzichtet. Leider ist er kurz vor Ausstellungseröffnung gestorben. Thematisch zeigen wir einerseits Leuchten, die seine lebenslange Liebe zur Glühbirne dokumentieren, andererseits auch solche, die zeigen, auf welche einzigartige Weise er sich gestalterisch mit neuen Technologien wie Halogen, LED und OLED auseinandergesetzt hat.
Welche Lampe würden Sie sich denn mitnehmen aus der Ausstellung?
Gute Frage! Ich glaube, ich bin ein Fan der LED-Kerzen. Wie hier analoger Kerzenschein durch die LED-Technologie digitalisiert worden ist, das finde ich spannend. Die LEDs werden unterschiedlich mit Strom versorgt, so dass der hellste Punkt der Flamme wie bei einer echten Kerze heller ist, und der Rand der Flamme, der weniger Strom erhält, entsprechend dunkler. Die Imitation ist unglaublich naturnah.
Warum sollte man diese Ausstellung auf keinen Fall verpassen?
Ich glaube, die Ausstellung ist etwas ganz Besonderes, weil sich die Neue Sammlung hier zum ersten Mal der Materie Licht widmet. Also nicht nur der Leuchtengestaltung, sondern explizit der Gestaltung von Licht. Ingo Maurer wollte den Menschen mit seinen Lichtkreationen Glück und Wohlbefinden schenken. Schlechtes Licht machte seiner Überzeugung nach unglücklich. Seine Leuchten sind alle unglaublich unterschiedlich, jede hat ihren eigenen Charakter, fast eine eigene Persönlichkeit. Dennoch tragen sie alle seine Handschrift: Sie berühren uns und lassen uns zuweilen auch schmunzeln. Das ist es, was Besucher in der Ausstellung ganz deutlich spüren können.
Vielen Dank für das Interview!