Verschiedene Baustile entlang einer Straße in München.

Viertelliebe: Westend

Das andere München

Kleine-Leute-Viertel und urbanistisches Versuchslabor, ewiger Geheimtipp und Sehnsuchtsort für alle, die mit der Schickeria fremdeln: Das Westend ist ein Ort, der sich stetig entwickelt, ohne seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren.

In der legendären Faschingsfolge der Serie „Monaco Franze“ (1982) werden die Flirtbemühungen des Protagonisten nach einer wilden Party in der heutigen Max-Emanuel-Brauerei doch noch belohnt: Er geht mit seinem Jugendschwarm Lilly nach Hause. Dort aber wird er mit einem prekären Dasein konfrontiert. Lilly zahlt die alte grantige Babysitterin aus, alles steht voller Babyflaschen und Gläser, die Wohnung hat nur ein Zimmer. Die alleinerziehende Mutter wohnt natürlich im Münchner Westend oder, wie man damals (wenn man zu den Älteren gehört auch heute noch) sagte: „auf“ der Schwanthalerhöhe.

Hier verbrachte auch der Protagonist, der Sohn einer Näherin aus der Kazmairstraße, seine Jugend, bevor er dann durch seinen Charme nach Schwabing aufstieg, also in die gehobenen Kreise. Leise und geniert verabschiedet sich der Protagonist wieder – so sehr mit seiner eigenen Vergangenheit möchte er dann doch nicht konfrontiert werden. Alle, die in den 1980er-Jahren die Serie sahen, wussten: Der „Monaco“ kommt aus dem Arbeiterquartier Münchens oder – um es beim Namen zu nennen – aus dem Glasscherbenviertel.

Wenn heute das Westend als anders, als besonders echt und cool gilt, wenn es hier besonders viele WGs gibt und in den Abendstunden mehr Leben auf den Straßen ist als in anderen Vierteln, dann ist das eine unmittelbare Folge davon, dass es bis vor Kurzem Münchens einziges wirkliches Arbeiterviertel war. Heute, wo dergleichen schick ist, gibt es zwar viele Anwärter auf so einen Titel: Sendling, Giesing, die Au, das Glockenbachviertel, sogar Haidhausen und die Maxvorstadt. Da München bis weit ins 20. Jahrhundert eine zu weiten Teilen sehr kleinbürgerliche Stadt war, stimmt das sogar. Verglichen mit der Schwanthalerhöhe jedoch müssen all diese Viertel als hochherrschaftlich gelten. Denn diese war bis weit in die 1990er-Jahre hinein ein Viertel der kleinen Leute.

 

Enge Straßen, große Blöcke

Das merkt man zuvorderst an der Architektur. Nur im Westend ist ein Gebäude wie das „Ledigenwohnheim“ denkbar, das von dem Architekten und Stadtplaner Theodor Fischer 1927 am Gollierplatz errichtet wurde. Der strenge Ziegelbau ist eines der bedeutendsten Gebäude der Neuen Sachlichkeit. Die kleinen, einfachen Zimmer wurden und werden an „ledige Männer“ – zumeist Handwerker, die sich nichts Größeres leisten können – vermietet.

In ganz Europa gibt es nur noch zwei „Ledigenheime“. Und auch ein anderes der definierenden Gebäude im Westend ist ein bisschen aus der Zeit gefallen, nämlich das, welches das Westend im Osten gegen die Theresienwiese abgrenzt. Dieser wuchtige Betonkomplex aus einem Hochhaus und einem Einkaufszentrum wirkt wie ein Alien-Raumschiff, das im Zentrum Münchens gelandet ist.

Derartige Bauten würde man eher weit außerhalb des Mittleren Rings vermuten. Errichtet wurden die Gebäude – die bis heute zum Großteil kleine Wohnungen im mittleren Preissegment beherbergen – 1975. Da hatte der Aufwertungsprozess in den zentralen Lagen Münchens längst begonnen. Nicht so im Westend.

Auch ist die Dichte an genossenschaftlichen Wohnbauprojekten im Westend besonders hoch: große Blöcke, vor allem aus den 1920er- und 1960er-Jahren. Dementsprechend dicht wirkt das Viertel: die Straßen eng, viele Handwerksbetriebe oder gar Fabriken. Als deren wichtigste muss natürlich die Augustiner-Brauerei gelten. Seit 1857 sitzt diese in einem imposanten, wuchtigen Backsteinbau in der Landsberger Straße.

Dieser gibt dem nördlichen Teil des Westends einen industriellen Charme – man könnte sich in Manchester wähnen. Bekanntlich ist Augustiner die inzwischen einzige Münchner Brauerei, die nicht nur innerhalb der Stadtgrenzen in größerem Umfang braut, sondern auch selbst malzt. Das riecht man. Das Westend trägt mehrmals wöchentlich ein sehr süßliches Parfüm. Wer da nicht umgehend Durst auf eine Halbe in der Schwemme des Augustiner Bräu bekommt, ist vermutlich falsch in diesem Viertel.

Zweimal im Jahr feiert das Viertel

Da passt es nur zu gut, dass das Westend im Osten von der Theresienwiese begrenzt ist. Die Festwiese ist quasi die Terrasse des Viertels. Zwei Mal im Jahr hallen durch die ganze Schwanthalerhöhe das pneumatische Zischen und die Sirenen der Fahrgeschäfte. Wobei gesagt werden muss, dass das kleinere der beiden Volksfeste, das Frühlingsfest im April, so etwas wie die inoffizielle Feier des Westends ist.

Hier treibt sich tatsächlich eigentlich nur Münchner Publikum herum – und ein Großteil davon stammt aus dem angrenzenden Westend. In den Bierzelten des Frühlingsfestes, es sind etwas kleinere als beim Oktoberfest, lässt sich in den frühen Abendstunden ein anrührendes Schauspiel beobachten. Ältere, bierselig lächelnde Paare tanzen dann oft vor Schlagerkapellen. Aber schon lange vor Schankschluss sieht man sie langsam die Rampe hinauf zum Bavariaring gehen, der die Festwiese vom Westend trennt.

Gleich daneben, hinter der Ruhmeshalle an der Theresienwiese, wurde das Westend in den letzten Jahrzehnten ziemlich herausgeputzt. Das Gelände der Alten Messe wurde in ein weitläufiges Freizeitareal verwandelt, mit dem Verkehrszentrum des Deutschen Museums, großzügigen Freiflächen, Spielplätzen für die Kleinen und einem Sportgelände für die Jugendlichen. Die Weite des Gebiets und seine Diversität – es gibt Wiesen zum Liegen, einen Biergarten für den Durst, große Asphaltflächen zum Skaten oder Rollerbladen – führt zu einer Offenheit der Gegend, im besten Sinn. Hier finden tatsächlich alle etwas zu tun.

Die berühmte „Endlose Treppe“ des Starkünstlers Olafur Eliasson – eines der spektakulärsten Kunstwerke im öffentlichen Raum Münchens – befindet sich hier, und in unmittelbarer Nähe, am südöstlichen Zipfel der Schwanthalerhöhe, entstanden lichte Wohnbauten für Familien.

Ordentlich ist es hier, ruhig und leise. Zugleich aber schloss das Westend an international-urbane Standards an: Nun gibt es auch hier zahlreiche Cafés, in denen man einen Flat White bekommt; Casual-Fine-Dining-Restaurants mit offener Küche und Speisekarten, auf denen die Zutaten der einzelnen Gerichte durch Schrägstriche getrennt sind; Cocktailbars, deren Eingänge man nur findet, wenn man genau weiß, wo sie sich befinden. Kurz: all das, womit man Menschen beglückt, die sich auch in Sydney, Lissabon oder London auskennen.

 

Man macht sich schick

Das alles fügt dem Westend eine neue, gehobene Note hinzu. Seinen ursprünglichen Charakter kann es sich dennoch bewahren. Nach wie vor ist eine Kneipe wie das Kilombo in der Gollierstraße, in der Bier und linke Kulturevents auf eine sehr typische Weise zusammenfinden, bestimmend für das Nachtleben im gesamten Westend. Hier trudeln alle Nachtgespenster des Viertels irgendwann ein.

Doch vielleicht steht dem Westend, das ja – man vergisst es so leicht, wenn man hier ist – unglaublich zentral in München liegt, nun wirklich eine kleine Veränderung bevor. Mit den großen Techfirmen Apple und Google, die in fußläufiger Nähe des Viertels, einmal über die Hackerbrücke drüber, große Niederlassungen beziehen, kommen viele junge, weitgereiste, wohlhabende Menschen nach München, von denen sich viele vermutlich weniger nach dem Seegrundstück als nach urbanem, möglichst zentralem Wohnflair sehnen.

Das Westend könnte für diese Klientel ideal liegen. Und trotzdem wird das Viertel vermutlich das bleiben, was es immer war: ein Stück München, das anders ist als der Rest der Stadt. Das ganz nah am Zentrum ist und irgendwie doch weit draußen. Das in der Mischung aus kleinteiligen Strukturen und großen Klötzen auf seltsame Weise heimelig ist. Kurz: das rau ist und gerade deshalb so herzlich.  

 

 

Text: Nansen & Piccard; Fotos: Frank Stolle